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Von Leid und Leidenschaft

Vor einiger Zeit hielt mir eine Freundin eine Stellenanzeige unter die Nase, worin eine Geschäftsleitungsassistentin gesucht wurde. Nebst Flexibilität und gelebtem Dienstleistungsgedanken erwartete man «hohe Leidensfähigkeit» von der künftigen Stelleninhaberin. Ich las das Inserat zum zweiten Mal durch, was mir bestätigte, dass ich mich nicht geirrt hatte. Meine Freundin und ich waren sprachlos: Leidensfähigkeit ... Also die Fähigkeit zu ertragen, zu erdulden, hinzunehmen. Wow. Doch auch in Leidenschaft ist ‚Leid‘ enthalten. Vielleicht liegen Leidenschaft und Leidensfähigkeit näher beieinander, als man auf den ersten Gedanken hin glaubt?

 

Sogleich strömten die nächsten Fragen auf mich ein: Wenn ich das Schreiben als meine Leidenschaft bezeichne, wie viel Leid steckt selbst in dem, was ich als meine Berufung sehe? Viel Leid; das gebe ich ehrlich zu. Mannshohe Zweifel, tiefe Traurigkeit, unbändige Wut, Schmerz und kleine, feine Nadeln der Unsicherheit. Immer wieder. Alle, die künstlerisch tätig sind, kennen das. Doch weshalb hört man nicht auf damit? Schreibt jeden Tag, Satz für Satz an seiner Geschichte, steht um 4 Uhr morgens auf, weil einem der perfekte Ausdruck eingefallen ist? Denkt sich Wendungen und Abgründe aus, quält die Protagonisten und macht sie am Ende dann vielleicht doch glücklich?

 

Ich weiß warum, zumindest in meinem Fall. Mein Herz lässt nichts anderes zu, als weiterzumachen. Die Glückseligkeit, wenn ein Plot gelungen, ein Paar sich findet, Worte durch die Finger auf die Tasten fließen und am Ende ein 353 Seiten grosses Werk dastehen lassen, das man selbst gewebt hat. Rückmeldung zu bekommen, eine Lesung zu halten - und vielleicht auch ein bisschen für sein Durchhaltevermögen bewundert zu werden. Was dem immer zu Grunde liegt, ist ein warmes Gefühl in der Seele, auf dem richtigen Weg zu sein. Dies ist des Lohnes mehr als genug, dies ist pure Erfüllung.

 

Man soll dranbleiben, an dem, was man liebt, trotz des Schmerzes, der eben auch in allen Dingen steckt. Ohne das eine, nicht das andere. Und doch: Die Leidenschaft hat einhundert Mal mehr Kraft als das Leid; sie ist der Wind in den Schreibsegeln.

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